„Du Heinz, wenn gömer is Engadin?“ „Ja…, am Wucheändi? De nöi Pnöö hani morn.“ Der Reifen ist für seine Ducati. „…jä, dämfall gömer mit üsne alte Damene?“ Nein, das sind nicht unsere Mütter oder so. Heinz fährt unter anderem eine Ducati 900SS Baujahr 1979, und ich immer noch meine XS.
Diese Unterhaltung fand am Mittwochabend vor Pfingsten statt. Somit waren noch zwei Tage zur Planung. Wo soll’s durchgehen, welche Pässe sind schon offen und wo übernachten wir. Heinz kümmert sich ums Übernachten und ich mache mir des Weges wegen Gedanken.
So geht die Fahrt am Samstagmorgen los. Zuerst nach St. Gallen. Die Streuscheibe von der Ducati ist noch im Laden. Die zwei Ladenhüter, die keine sind, wollen uns all die wichtigen Teile verkaufen. Wir belassen es aber beim Lampenglas.
Die heutige Fahrt soll uns durch den Bregenzerwald, über den Hochtannberg, den Arlberg und durchs Inntal nach Zernez führen. Aber schon tauchen die ersten Probleme auf; Lech ist noch geschlossen. Wo durch jetzt? Nach Rankweil und links über den Dünserberg. Die erste Rauchpause (das kennen wir doch) und Aussicht geniessen. Weiter geht’s über den Arlberg, denn die Silvretta-Hochalpenstrasse ist auch noch geschlossen. Den Arlberg hoch, nicht so kurvig und anspruchsvoll, wird’s angenehm kühl, denn wir sind beide „warm“ angezogen. Oben dann die wohlverdiente Pause. Arlberg runter, mehr Kurven, wieder warm und ganz schön zu fahren, keine Autobahn. Das Inntal hoch, rechts weg ins Engadin. Dort finden wir genau die Strecke für unsere Damen, langgezogene Kurven. Kurz vor Ladenschluss finden wir in Zernez ein. Fleisch in der Metzgerei, den Rest im Coop einkaufen und weiter geht’s zum Maiensäss. Dort angekommen wird erst mal, Biker typisch, ein Bier genommen und Feuer gemacht. Den Rest verliert sich in mit frischen Chili gewürztem Fleisch, etwas Alkohol und Rauch vom Feuer.
Wie kriegt man um acht Uhr morgens Heinz aus dem Bett? „Heinz, dusse schneits…“ Siehe da, Heinz schreckt hoch, schaut aus dem Fenster, „Arschloch…“ Das ist doch ein guter Start in den Tag.
An der frischen Luft einen starken Kaffe, Spuren beseitigen und Motorräder startklar machen. Zuerst geht’s über den Feldweg zurück nach Zernez. Am Morgen früh schon soviel Spass… Getankt haben wir noch am Vorabend, so biegen wir gleich Richtung Ofenpass ab. Schon wieder Spass. Kurven, enge und langgezogene, fast keinen Verkehr, auch keinen Heinz mehr. Viel zu früh kommt der Abzweiger nach Livigno, ein schwarzes Loch in der Felswand. Die Fahrt durch die einspurige Röhre ist sehr eigenartig und kühl. Nach einem italienischen Espresso führen uns die Kurven weiter über den Passo di Foscagno. Meine alte Dame hat eben die 100'000 km Marke überschritten. Vor fünf Jahren waren gerade mal 52’500 km auf dem Tacho.
Runter nach Bormio. Mensch, bin ich von der Rolle, Stützräder wären nicht schlecht… Wie aus dem Nichts regnet es auch noch. Genau so abrupt hört es wieder auf. Komisches Wetter haben die da in Italien. Seit ein paar Jahren führt von Bormio nach Tirana eine Schnellstrasse, somit haben wir auf der alten Hauptstrasse wenig Verkehr, dafür bessere Sicht auf die umliegenden, imposant aufragenden Berge. Bis nach Tirana passieren wir viele kleine Dörfer, deren Häuser alt, aber mit viel Flair eng an der Strasse stehen.
Bevor wir Richtung Bernina abbiegen wollen wir in Tirana noch essen. Mit unserem freestyle-italienisch bestellen wir und erhalten tatsächlich das Gewünschte. Frisch gestärkt fahren wir nun durch das Puschlav. Die KTM, die am Zoll noch bei uns war ist wohl schon über alle Berge, sicher aber schon über den Bernina. Aber auch wir kommen, mit Riesengedröhne, sportlich den Berg hoch. Je näher wir der Passhöhe auf über 2300 m über Meer kommen, desto kühler und schneereicher wird es. Beinahe 2000 Höhenmeter waren das, geil… Nach einer Pause nehmen wir die kurze Abfahrt gemütlich unter die Räder. Noch kurz nach Maloja, einen Blick ins Val Bregaglia werfen und zurück, an den noch halb gefrorenen Seen entlang. Es ist entsprechend frisch. Der Wind lässt den Silsersee und den Silvaplanersee glitzern in der Nachmittagssonne. Ein ganz schönes Schauspiel. In Celerina übernachten wir im Hotel „Trais Fluors“. Eigentlich hat es geschlossen, aber für die Familie… Vielen Dank. Eine angenehm warme Dusche und noch den Rest der untergehenden Sonne mit einem Glas Wein geniessen. Zum Abendessen sind wir bei den Hausherren eingeladen. Gute Spagetti, etwas Rotwein und wieder eine kurze Nacht.
Der letzte Tag unserer Engadintour beginnt mit dem Bergell. Plötzlich biegt Heinz von der Hauptstrasse ab und fährt durch ein kleines Dörfchen mit noch engeren Gassen. Promotogno. Zurück auf der Hauptstrasse passieren wir die Landesgrenze zu Italien.
Chiavenna. Verkehr, Gehupe, Hektik. Da biegen wir doch gleich rechts ab. Der Splügen und zurück in die Schweiz soll’s nun sein. Die Strasse zur Passhöhe ist schmal, steil und vom Alter gezeichnet. Den Splügen sollte man eher von Italien her bewältigen. 1800 Höhenmeter mit vielen Serpentinen. Talwärts nicht so angenehm für die Handgelenke. Zu meinem Glück findet sich ab und zu wieder ein Auto, hinter welchem Heinz warten muss. So kann ich wieder aufschliessen. Oben auf der Passhöhe, welche auch gleich die Grenze zur Schweiz markiert, wartet ein Carabinieri. Während sich Heinz mit ihm über seine Ducati unterhält, baue ich mir eine Schneesozia, sie dann aber da bleibt.
Das Mittagessen finden wir in einem Restaurant in Splügen, für den Kaffee aber wollen wir nach Juf, das höchstgelegene ganzjährig bewohnte Dorf von Europa. Das Val Ferrera besteht nur aus Kurven und das ganze 24 km. Wieder kein Heinz im Rückspiegel.
Auf über 2100 m über Meer, zwischen Schnee und Krokus einen Espresso geniessen; was will man mehr? Genau, die 24 km nochmals fahren. Wer sich dabei Zeit lässt, sieht zum Teil noch die alte Strasse. Schmal und eindrücklich wirkt sie.
Bei der Viamalaschlucht  reisst das Kupplungsseil von der Ducati. Heinz aber kennt seine Diva und ist bestens ausgerüstet. Er repariert und ich erinnere ihn an den Spruch; Wer den Schaden hat muss sich um den Spott nicht sorgen.
Den Abschluss bilden das Landwassertal, Davos und das Prättigau. Bei Landquart auf die Autobahn und die Tour ausrollen lassen.